In der Vergänglichkeit der Materie liegt eine Ästhetik, die das Perfekte nie erreichen kann.
Wenn wir an Schnee denken, haben wir meist ein Idealbild im Kopf: eine unberührte, weisse Decke, die alles unter sich begräbt und die Welt zum Schweigen bringt.
Es ist ein Bild von Reinheit, das aber bei genauerer Betrachtung seltsam leblos wirkt. In der abstrakten Fotografie suchen wir oft nach einer Spannung, die dieses Ideal nicht bieten kann. Doch wenn wir den Blick senken und die Distanz verlieren, offenbart sich eine Welt, die in ihrer Vergänglichkeit eine ganz eigene, fast melancholische Schönheit besitzt.
In St. Gallen, direkt vor meiner Haustür, habe ich genau das gesucht. Ich habe mich auf das konzentriert, was wir normalerweise nicht beachten oder gar als „hässlich“ empfinden: den schmelzenden, durchsetzten Schnee am Strassenrand.
Der Schmutz als Architekt
In meiner Fotografie suche ich oft nach dem, was auf den ersten Blick verborgen bleibt. Bei diesen Nahaufnahmen von schmelzendem Schnee fasziniert mich nicht die perfekte Flocke, sondern das Fragment. Es ist der Moment, in dem die kristalline Ordnung auf das Chaos der Erde trifft.
Das Paradoxe an diesen Aufnahmen ist, dass der Schmutz – der Staub, die Erdreste – die Bilder erst möglich macht. Sie geben dem Schnee eine Struktur, die er als reine, weisse Fläche niemals hätte.
Es ist die Reibung zwischen dem kristallinen Wasser und dem Schmutz der Strasse, die eine visuelle Landschaft entstehen lässt, die an geologische Formationen oder Wolken erinnert.
Über die Komplexität des Vergänglichen
Wir sind darauf konditioniert, den „schmutzigen Schnee“ als etwas zu betrachten, das entfernt werden sollte. Doch in dem Moment, in dem wir die Wertung weglassen, erkennen wir eine enorme Komplexität.
Die Strukturen, die beim Zerfall entstehen, sind einmalig. Sie sind das Ergebnis von Zufall, Temperatur und Zeit. Das Fragment, der Rest, das eigentlich Unansehnliche – dort liegen die Details, die es wert sind, festgehalten zu werden.
Es ist eine Schönheit, die erst entsteht, wenn wir bereit sind, dort hinzusehen, wo man eigentlich wegschaut.
Man muss nicht weit reisen, um Komplexität zu finden, manchmal reicht der Randstein vor der eigenen Tür.
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